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Texte aus 35 Jahren Autorenkreis Rhein-Erft

Hrsg. von Evert Everts und Rolf Polander

256 Seiten, 21 x 13,8 cm, Hardcover
ISBN 978-3-935873-68-0 • 14,- €


Mythische Zwerge und reale Monster

Seit nunmehr 35 Jahren besteht der Autorenkreis Rhein-Erft und das ist für Evert Everts und Rolf Polander Grund genug, die kleine Schriftstellergruppe mit einer Jubiläums-Anthologie zu würdigen. Außerhalb des Rheinlands vermag diese Zahl als Anlass zu verblüffen, nicht so in Köln: Dort pflegt man bereits die Elf als hinreichende Summe zu nehmen, um am 11. 11. um 11 Uhr 11 eine ganze Stadt in schunkelndem Freudentaumel (zunächst) und trunken taumelnd (später am Abend …) lahmzulegen. Es ist bereits die dritte hervorragende und zugleich qualitativ bemerkenswerte Anthologie, um die Evert Everts sich mit wechselnden Co-Herausgebern verdient gemacht hat in diesem Autorenzirkel.

Für den Band haben sie aktive und ehemalige ARE-Mitglieder gewonnen, posthum auch Beiträge verstorbener Kollegen abgedruckt und geben so einen recht bunten und umfassenden Einblick in die literarische Szene Kölns und westlich der Rhein-Metropole im Erftkreis, bekanntere Namen finden sich in dem Band, einige VS- und sogar PEN-Mitglieder sowie jüngere Vertreter der schreibenden Zunft, deren Beiträge hier aufhorchen lassen und von denen man gewiss künftig noch Interessantes zu lesen bekommen wird.

Alphabetisch geordnet treten die Schriftsteller an und lassen Prosa und Gedichte sprechen zu den unterschiedlichsten Themen. Eines der Gründungsmitglieder, Hans-Jürgen Deglow, berichtet, wie alles begann. Weit gesteckt ist auch geografisch der Rahmen, wenn Isolde Ahr in ihrer Erzählung „Pedro und Ines“ ihre Leser mit nach Coimbra nimmt. Oder Cornelia Ehses in Zevenaar über das “Schreiben“ lyrisch ihre Gedanken schweifen lässt: „… Die Wellen vor mir/ rauschen Geschichten ans Ufer …“. Gedichte wie „windstille“ hat auch Hartwig Mauritz aus Vaals beigesteuert, immerhin wurde er mit dem Dresdener Lyrikpreis ausgezeichnet: „der friedhof. bäume nadeln notsignale, laub, geharkte wege/ tannengrün, ein anonymes urnenfeld. die stille/ am ende des herzschlags weckt den allerheiligenbesuch …“

Die Erzählungen und Gedichte von Evert Everts eröffnen ebenfalls einen weiten Horizont: bis nach Ostfriesland, Prag und, ideell jedenfalls, in die USA Edward Hoppers: „… Keine Türe führt ins Freie,/ doch das Schweigen der Gäste drinnen/ öffnet uns den Blick ins Innerste,/ aus dem Dunkel der Nacht ins Helle,/ in den Abgrund.“ Rolf Polander, ebenfalls mit gebundener Form und Prosa vertreten, nimmt ironisch eine traditionelle Spielart der Lyrik aufs Korn: „Morgensonett“: „Die Muse kam heut Morgen um halb acht/ zur Tür herein, sie hieß Hermine Meier/ und trug in ihrer Hand die alte Leier,/ mit der gewöhnlich man Sonette macht.“ Bis nach Georgien entführt uns Gert Robert Grünert, der neben eigenen Gedichten Übersetzungen aus der von ihm herausgegebenen Anthologie „Ich aber will dem Kaukasus zu …“ beisteuerte.

Natürlich ist in einer Anthologie des Rhein-Erft-Kreises auch Heimatliteratur vertreten. Harald Gröhler lebt zwar inzwischen in Berlin, erinnert sich aber immer noch gern in Versen an „Gute Stellen im Frechener Forst“, wo neben delikaten, genießbaren Pilzen leider auch Knollenblätter-Gewächse sprießen mit den bekannten, misslichen Folgen, brät man sie in der Pfanne, leider nicht nur für die Pilze … In seiner Erzählung „Das freie Land, in dem sich was ändert“ schildert Harald Gröhler eindrucksvoll, wohin missverstandene Heimatliebe führen kann: zu Aggressionen gegenüber Fremden. „Heimat“ im engeren Sinn prägt auch die Texte von Renate Mödder-Reese wie ihr Gedicht „Tagebau Bergheim“ und ihrem Mann Gynter Mödder, der an „Die Pucks von Glessen“ erinnert, Geistes-Verwandte der „Heinzelmännchen von Köln“, ein „sehr, sehr altes Zwergengeschlecht“.

Und dann präsentiert Margit Hähner die Provinz als Heimat, erzählt aus „aus einem Kaff wie Much“, die Geschichte könnte sich aber ebenso gut in Glessen ereignen. Zwei alte Bekannte begegnen sich, einer kommt begeistert von einer ländlichen Misswahl zurück, bei der sein ganzer Stolz einen Preis gewonnen hat: als schönste Kuh. Und berichtet, wie sorgfältig man sie zuvor preiswürdig verschönerte: Euter geölt und Schwanzquaste toupiert … Gleich einen ganzen Zyklus „lyrischer Notate“ hat Andreas Rumler dem Kreis gewidmet, aus dem hier einige Gedichte abgedruckt sind: „Erft-Land-Splitter“, eine versifizierte Anklage gegen die brutale Zerstörung einer „uralten Kulturlandschaft, einer der ältesten, schönsten und reichhaltigsten Europas: Burgen und Schlösser, Kirchen, Ruinen römischer Tempel und Gutshöfe …“ werden hier durch die Braunkohle-Tagebaue zerstört. Allerdings leider für immer, nicht wie das neben dem Vesuv verschüttete Pompeji, dem er sein Poem „Versunken in Stunden“ widmete und das bekanntlich eine Wieder-Auferstehung erlebt.

Wenn man so will, lässt sich hier Heimatliteratur in ihrer edelsten Form erlesen: als Weltliteratur in dem Sinn, den Goethe geprägt hat, als einen Dialog über Grenzen und Zeitspannen hinweg. Mythische Zwerge und reale Monster wie die Tagebau-Bagger stehen hier nebeneinander, korrespondieren miteinander, deutsche und Autoren aus Georgien, einer lebt in Holland, aktuelle Texte und ältere. Den beiden Herausgebern Evert Everts und Rolf Polander ist eine wirklich überzeugende Zusammenstellung gelungen, biografische Notizen zu den Autoren runden den Band hilfreich ab.

Andreas Rumler




Sterben und Tod
 





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